Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V. Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V.

Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V. - Ernst Leitz Jr. – Wirtschaftspionier und „stiller Schindler“

21.03.2020

Ernst Leitz Jr. – Wirtschaftspionier und „stiller Schindler“

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold war als Massenorganisation in der Weimarer Republik in seiner Mitgliederstruktur stark durchmischt. Soldaten, Handwerker, Politiker und Industrielle fanden sich in seinen Reihen. Einer von ihnen war Ernst Leitz (Junior), der Sohn des gleichnamigen Gründers der Leitz-Werke Ernst Leitz. Mit der legendären Leica-Kamera wuchs das Unternehmen unter der Leitung von Leitz Jr. zum internationalen Unternehmen und eines der visionärsten Unternehmen der Weimarer Republik bis heute. Für seine Hilfe bei der Flucht vieler jüdischer Arbeiter wurde er auch der „stille Schindler“ genannt. Ein Kurzportrait über einen beeindruckenden Kameraden.

Ernst Leitz Jr. wurde 1871 geboren und trat bereits 1906 in das Unternehmen seines Vaters ein, nach dessen Tode wurde er 1920 Alleingesellschafter der Leitz-Werke. Unter seine Zeit fällt die Entwicklung der ersten „Schraubleica“ – eine mit Hilfe von Oskar Barnack entwickelte 35-mm Kamera, die einen weltweiten Siegeszug durch ihre kompakte Größe und Qualität feierte und darüber hinaus über ein halbes Jahrhundert Standards setze. Sein Wille und die Entschlossenheit im Jahre 1925, kurz nach der Hyperinflation und wirtschaftlichen Notlagen in Deutschland, einen solch unternehmerisches Risiko auf sich und das Unternehmen zu nehmen, wurden vor allem durch den Satz geprägt: „Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“ Seine Entscheidung sollte zum Erfolg werden. Die betriebliche Politik bei Leica wurde auch unter Leitz Jr. im Sinne des Vaters fortgeführt: Es gab eine Angestelltenunterstützungs- und Ruhegehaltskasse sowie eine Betriebskrankenkasse. Damals nicht selbstverständlich.

Leitz Jr. war ein politischer Mensch, er engagierte sich in den 1920er Jahren in der linksliberalen DDP, einer Gründungspartei des Reichsbanners. Zugleich gründete er im hessischen Wetzlar 1924 die örtliche Gruppierung des Reichsbanners mit, die bis zu 600 Mitglieder zählte und bei Demonstrationen bis zu 6.000 Teilnehmer mobilisieren konnte. Er selbst bezahlte Uniformen für die Reichsbanner-Kameraden, nahm an Demonstrationen und Umzügen teil, sprach auf Veranstaltungen und stellte firmeneigenen Fahrzeuge zur Verfügung, damit die Ortsgruppen zu Reichstreffen anreisen konnten.[1] Bereits kurz nach Gründung des Reichsbanners im Februar 1924, fand in Wetzlar im Juni eine erste Aktion des Verbandes gegen rechtsradikale Gruppierungen statt. Für die Einweihung eines Denkmals der rheinischen Jäger in Wetzlar, hatten sich verschiedenste rechte und revanchistische Organisationen angekündigt, sie wollten die Gelegenheit nutzen um das Andenken an den Ersten Weltkrieg als anti-republikanische Demonstration zu missbrauchen. Das Reichsbanner in Wetzlar reagierte mit einer schwarz-rot-goldenen Bannerweihe, als Ausdruck des republikanischen Geistes und Gedankens, den das Reichsbanner als Veteranenverband aktiv vertrat. Die Folge des entschlossenen Auftretens hatte die Ausladung des monarchistischen Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten und des Jungdeutschen Ordens zur Folge. Dass das Denkmal in der Form, unter den Fahnen des Reichsbanners enthüllt werden konnte, war für den gerade erst gegründeten Verband ein großer Erfolg.[2]  Immer wieder strömten tausende Teilnehmer zu den Reichsbanner-Umzügen, selbst 1931 mobilisierte das Reichsbanner Wetzlar noch 4.000 Teilnehmer.[3] Viele der Mitglieder in Wetzlar waren Mitarbeiter der Leitz-Werke, waren Facharbeiter und Angestellte.[4]

In der DDP war Leitz im Vorstand der Provinz Hessen-Nassau und wirkte auch in die oberen Ebenen der Partei hinein, mit unternehmerischer Expertise und dem steten Appel an die Verantwortung in der sozialen Frage der Arbeiterschaft.[5] Politisch tat er sich in den 20er Jahren als starker Gegner der Nationalsozialisten hervor, bezeichnete sie als „braune Affen“ und zog den Hass rechter Gruppierungen auf sich, auch aufgrund seines Kampfes gegen den Antisemitismus. Er kandidierte mehrmals für die DDP, die jedoch in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise zerfiel.

Nach der Machtübernahme unterstellten ihm die Nationalsozialisten eine „politisch nicht einwandfreie Gesinnung“. Als Alleingesellschafter einer Firma für kriegswichtige Güter, stand er damit zu Kriegsbeginn unter starkem Druck der neuen Machthaber. Es drohte stets die Gefahr, dass er zur Übereignung seines Betriebes an den Staat gezwungen werden konnte, wie es beispielsweise dem Flugzeugbauer und Regimegegner Hugo Junkers erging, dessen Flugzeugwerke von den Nazis enteignet wurden. Leitz hielt sich, dennoch musst er 1942 in die NSDAP eintreten, um das Unternehmen zu retten und seine verhaftete Tochter vor dem KZ zu bewahren.[6] Bereits in den Vorjahren wurden Mitarbeiter von ihm wegen Fluchthilfe von Juden verhaftet. Aber er half weiter heimlich jüdischen Arbeitern unter Einsatz seines Lebens und des Unternehmens bei der Flucht. Zwischen 1933 und 1945 half er 86 Menschen und rettete ihnen das Leben, davon 68, die aus rassistischen Gründen verfolgt wurden. Er stellte bewusst Juden ein, um sie anschließend an Zweigstellen in die USA zu versetzen. Öffentlich machte er diese Hilfe nie. Sein System der Einstellung von Juden und ihrer Vermittlung ins Ausland wurde später „Leica Freedom Train“ genannt. George Gilbert, ein berühmter Fotograf, formulierte es in seiner Arbeit über den „Leica Freedom Train“ 2009 folgendermaßen:

„Ernst Leitz II, der stahläugige protestantische Patriarch der straff geführten Leitz GmbH, agierte – während der Holocaust Europa bedrohte – in einer Art und Weise, dass er den Titel ‚Schindler der Fotografischen Industrie‘ verdient. Um seinen jüdischen Mitarbeitern und Kollegen zu helfen, etablierte er im Stillen etwas, das unter Historikern des Holocaust bekannt wurde als ‚The Leica Freedom Train‘. [...] Dieser erreichte 1938 und im Frühjahr 1939 den Höhepunkt, als Ernst Leitz alle paar Wochen Gruppen von Flüchtlingen nach New York leitete. [...] In jener Zeit entkamen durch seine Anstrengungen Hunderte vor der Gefahr geretteter Juden nach Amerika. [...]“[7]

Ernst Leitz Jr. starb 1956. Posthum erhielt er 2007 den „Courage to care Award“ der Anti-Defamation League, einer großen amerikanischen Organisation für den Kampf gegen den Antisemitismus, für sein Engagement zur Rettung zahlreicher verfolgter Juden. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold kann Stolz darauf sein, solch einen mutigen Demokraten in seinen Reihen gehabt zu haben.

Text: Marlon Bünck


[1] Irene Jung. 2010. Wetzlar: eine kleine Stadtgeschichte. S. 109.
[2] Benjamin Ziemann. 2012. Contested Commemorations: Republican War Veterans and Weimar Political Culture. S. 137f.
[3] www.hessencam.de/der-deutsche-faschismus-begann-auch-in-wetzlar-nicht-erst-1933/ (abgerufen am 20.3.2020).
[4] Benjamin Ziemann. 2012. Contested Commemorations: Republican War Veterans and Weimar Political Culture. S. 137f.
[5] Vgl. Gerhard Schulz. 1987. Zwischen Demokratie und Diktatur: Deutschland am Vorabend der Großen Krise. S. 304f.
[6] Klaus Otto Nass. 1994. Elsie Kühn-Leitz. Mut zur Menschlichkeit. S. 41 ff.
[7] www.porezag.de/index.php/9-buecher/6-ernst-leitz-aus-wetzlar-und-die-juden-mythos-und-fakten-vorwort-und-einleitung.html (abgerufen am 20.3.2020).

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